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KRISTINA KANDERS‘ HOUSEWIVES

Die Hausarbeit ist eher unsichtbar und wird überwiegend von Frauen erledigt – so war es auf jeden Fall in den 50-er Jahren. Für die meisten von uns ist sie eine unliebsame Tätigkeit, die irgendwie gemacht werden muss. Die eher an Models erinnernden Frauen in Kristina Kanders‘ Bildern scheinen sie dagegen regelrecht zu genießen – haben sie sich doch dafür extra hübsch angezogen und perfekt gestylt. Zwischendurch werfen sie uns einen etwas koketten Blick zu, um ihre Aufmerksamkeit dann wieder auf ihre Tätigkeit zu richten, die sie mit Leichtigkeit zu erledigen scheinen. Wer hätte so eine Hausperle nicht gern in seinem Heim?

Nur gibt es solche Hausfrauen in Wirklichkeit nicht. Auch gehören Stöckelschuhe nicht unbedingt zu ihrer praktischen Ausstattung. Ebenso wenig werden Frauen allgemeinhin bei der Hausarbeit fotografiert. Was Kristina Kanders erschafft, ist keine Ode an das Dummchen am Herd. Vielmehr spielt sie mit den Klischees und hinterfragt mit Witz das Rollenbild der Hausfrau. Mit ihren Bildern macht sie sie wieder sichtbar: die Hausarbeit, und die Frau auch.

Disappearing Housewives ist eine Serie von mehr als 100 Bildern, die von der gebürtigen Kölnerin zwischen 2014 und 2020 gemalt und ausgestellt wurden und für die sie mit Preisen geehrt wurde. Was auf den ersten Blick wie Collagen aus den 50-er Jahren aussieht, sind fast fotorealistisch mit Ölfarbe gemalte Frauenbilder auf bunten Vintage-Tapeten. Dabei ersetzt die Hintergrundtapete oftmals Teile der Bekleidung der Frau, die ausgespart bleiben, ohne dass das Gesamtbild der Frauenfigur beeinträchtigt wird. Und so begegnen wir nicht nur Barbara, Helga oder Monika, sondern werfen auch einen Blick auf die häusliche Privatsphäre der berühmten Twiggi oder der Bardot.

Dabei stand das Malen in Kristinas jüngeren Jahren eher auf den Nebengleis. Mit 22 begleitete sie spontan einen Bekannten nach New York und blieb dort für die nächsten 20 Jahre. Sie studierte Schlagzeug an der New School University und am Queens College (Master of Arts Abschluss), unterrichtete elf Jahre an der New School University und spielte weltweit in verschiedenen Bands. Zurück in Köln hatte sie genug Zeit, um ihre eigene Musik zu produzieren, bis sie es nach einigen Jahren wegen Tinnitus aufgeben musste. Seit 2012 widmet sie sich ganz der Malerei.

Kristina, du warst viele Jahre in New York als Jazzmusikerin aktiv – wie war für dich der Übergang nach Köln?
Als ich zurückkam, erschien mir die Stadt zuerst sehr provinziell. Aber am Ende tat es mir doch gut, weil ich so voll war von diesen vielen intensiven Erlebnissen. Ich hatte dort genug aufgenommen, ich war musikalisch und auch künstlerisch einfach satt. Ich merkte, dass die Natur zunehmend wichtiger für mich wird.

Wärst du ohne Tinnitus bei der Musik geblieben?
Auf jeden Fall! Wobei ich sagen muss, dass ich mit 60 mein Schlagzeugequipment nicht mehr hätte schleppen wollen. Aber der soziale Aspekt ist ein wichtiger. Der ist durch den Sprung von der Musik zur bildenden Kunst geringer geworden; im Atelier arbeite ich täglich viele Stunden alleine.

Also bist du nicht aus einem inneren Bedürfnis, sondern aufgrund der Krankheit zur Malerei gekommen?
Jein, ich bekam schon im Abitur eine Eins plus in Kunst und die Kunstlehrerin sagte, ich müsse Kunst studieren. Im Hinterkopf war immer der Gedanke ans Malen. Nach dem Tinnitus war klar: Jetzt male ich nur noch.

Das war sicherlich keine einfache Entscheidung.
Die Musik habe ich von einem Tag auf den anderen aufgegeben. Ich war mitten in der Produktion meiner dritten CD, habe aber gemerkt, dass es nicht mehr geht. Also habe ich alle meine Konzerte und Kurse innerhalb einer Woche abgesagt. Das alles aufzugeben fiel mir sehr schwer. Nach einem halben Jahr fühlte ich mich wie frühpensioniert, nur ohne Pension.

Wie kamst du schließlich zu diesen Bildern?
Bis dahin war ich malerisch Autodidaktin. Habe ein paar Kurse in New York besucht, dann habe ich mich in Köln kurzentschlossen für ein Jahr bei einer Kölner Malschule angemeldet. Aus diesem Jahr habe ich viel mitgenommen. Irgendwann hat mich ein Bild von einer Frau vor einem Hintergrund inspiriert. In einem Tapetengeschäft habe ich später eine Tapete gefunden, die mich an eine Bluse meiner Mutter erinnerte. Da bin ich auf die Idee bekommen, diese Bilder zu malen. Das brachte mir in der Malschule so viel Feedback, dass ich gleich mehrere solcher Bilder gemalt habe. Die Resonanz war groß und führte zu nationalen und internationalen Ausstellungen. Offensichtlich habe ich mit den Housewives einen Zeitgeist getroffen, denn als Newcomer über 50 bekommt man in der Kunstszene keinen roten Teppich mehr ausgerollt.

Wie ist die Resonanz?
Am Anfang war mir gar nicht bewusst, wie vielseitig die Bilder gesehen werden können. Sie können sehr unterschiedliche Gefühle, Assoziationen und Gedanken bei den Betrachtern hervorrufen. Was der oder die Einzelne sieht, scheint mehr über die Person und Geschichte des Betrachters auszusagen, als über das eigentliche Bild. So fühlen sich manche an „die gute alte Zeit“ erinnert, andere denken mit Schrecken an diese Zeit zurück. Viele sehen Humor in den Bildern, wieder andere erkennen die Sozialkritik in ihnen. Dem einzigen Mann in der Serie habe ich ein − wie ich finde − neutrales Gesicht gegeben. Es ist interessant, was für unterschiedliche Gedanken die Leute in ihn hineininterpretieren: „Er ist sauer, dass sie noch nicht fertig mit Putzen ist, wenn er nach Hause kommt.“ „Er hat ein schlechtes Gewissen, dass er ihr nicht hilft“ und so weiter. Jeder sieht etwas anderes, und das ist sehr vielfältig.

Findet man heute noch Tapeten aus den 60-er Jahren?
Es gibt einige wenige Spezialgeschäfte, die solche Tapeten anbieten. Eins fand ich zufällig in Köln, da habe ich die erste Tapete gekauft. Leider hat der Laden zugemacht, für mich ein schwerer Schlag. Inzwischen bringen mir Freunde alte Tapeten. Nur sind die meisten wirklich grottenhässlich. Aber manchmal findet man darunter auch schöne Schätzchen.

Deine Bilder hängen im Essener Motel One.
Vorletztes Jahr habe ich für das Motel One in Essen drei große Bilder gemalt, die so gut ankamen, dass für jedes Schlafzimmer weitere drei Bilder von mir gewünscht wurden. Dann wäre das ganze Hotel von oben bis unten mit Kanders‘ Bildern ausgestattet worden. Im Frühjahr 2020 lag der neue Vertrag schon auf dem Tisch, als Motel One wegen starken Umsatzeinbußen absagen musste. Nach fünf Jahren Housewives habe ich letztes Jahr einen Cut gemacht. Ich möchte mich weiterentwickeln und etwas Neues anfangen, mehr experimentieren. Bei der Entwicklung eines neuen Stils muss ich eine gewisse Frusttoleranz mitbringen.

Du bist jetzt öfters in Windeck – was führte dich hierher?
Ich gewann erste Kontakte, als ich vor einiger Zeit eine Ausstellung in der Galerie Sassen im kabelmetal in Windeck-Schladern hatte. Außerdem bin ich seit langen Jahren Buddhistin und habe dadurch weitere Leute von hier kennengelernt. Inzwischen ist es mein zweites Zuhause, da ich hier bei Bekannten malen kann. Und ich liebe es, hier zu wandern. Deswegen suche ich dauerhaft eine Bleibe, ein Stück Bauland oder ein Haus zum Kauf oder eine Mietwohnung. Für Hinweise aus dem Windecker Ländchen wäre ich sehr dankbar.(dh)

 

www.kristinakanders.com

Text: Drahomira Hampl
Bildquelle: Kristina Kanders

 

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