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Vlastimil Hort (links), Schachweltmeister Garry Kasparov (Mitte) und Richard von Weizsäcker (rechts). Foto: V. Hort

Vlastimil Hort

Talent ist, wenn man um die Ecke sieht

Vlastimil Hort sitzt gemütlich im Wohnzimmer seines Eitorfer Hauses in einem Sessel und tut das, was er jenseits des Schachbretts am liebsten tut: Er erzählt. Und er hat viel zu erzählen. Schließlich blickt er auf eine 60-jährige Karriere als Schachspieler zurück. In den 70er-Jahren gehörte er zur Weltspitze, heute beobachtet er immer noch aufmerksam seine Kollegen und das Schachgeschehen auf der ganzen Welt. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Meine Schachgeschichten“ gewährt er einen tiefen Einblick in seine Schach-Vergangenheit. Auf humorvolle Art erzählt er uns charmant und mit Leichtigkeit, wie er mit Bobby Fischer, dem legendären Schachweltmeister, in Slowenien Pilze sammelte, wer sich hinter dem Spitznamen „Viktor der Schreckliche“ verbirgt und dass die Schachspieler auf der ganzen Welt wie eine Familie sind.

Auch jetzt noch ist Vlastimil Hort mit dem Schachbrett unterwegs, unter anderem als Trainer, Berater, „Kiebitz“ und als gern gesehener Gast bei Simultanveranstaltungen von Schachvereinen. Wir haben ihn vor seiner Abreise zu einem Turnier in Prag getroffen und eine Menge über das schönste aller Denkspiele erfahren. 

Herr Hort, sind Schachspieler eine besondere Menschenspezies?

Ja. Wir sind wie stumme Fische, man hält uns für „stille Irre“. Der Homo sapiens ist ein Homo ludens, ein spielendes Wesen. Schon die Höhlenmenschen haben mit Knochen gespielt. Wir müssen spielen. Wie Jack Nicholson in Milos Formans berühmten Film „Einer flog über den Kuckucksnest“ sagt, als er in die geschlossene Psychiatrie kommt: „Ihr spielt hier nichts? Wie kann das sein?“ Und dann animiert er alle zum Spielen. Meiner Meinung nach ist Schach eine harmlose Droge und hat nichts mit Spielsucht zu tun. Schachspieler haben eine Hingabe zur Mathematik, zur Informatik und zur Romantik.

Sie haben gerade Ihr Buch – ein Resümee Ihrer Schacherlebnisse − veröffentlicht. Wie ist das Echo darauf?

Ich bin sehr überrascht. Ich habe schon viele Lesungen in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz gehabt. Die Resonanz ist sehr gut, weil es authentische Geschichten auch mit Rückblick auf viele geschichtliche und politische Ereignisse sind.

An welche Zeit Ihrer Schachkarriere erinnern Sie sich am liebsten?

Die Zeit, als ich jung war, so um die 30. Im Tschechischen heißt es: „Das Märchen der Jugend kommt nie zurück.“ Das ist so. 

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Fischer, Kasparov und Tal für Sie die größten Schachspieler waren. Was unterschied sie von den anderen?

Schwer zu sagen, jeder hat etwas. Tal war stark im Kombinieren. Garry Kasparov hat eine göttliche Begabung, außerdem hatte er einen guten Trainer mit dem er sich bestens vorbereitete. Der Größte war für mich aber Bobby Fischer. Er machte die meisten starken Züge nacheinander. Er schaffte zehn in Folge, während seine Gegner nur vier schafften und dann leistungsmäßig abfielen. Ich bin froh, dass ich alle drei erlebt habe. 

Sie waren mit vielen Spielern befreundet. Wie war Ihr Verhältnis zu Bobby Fischer? 

Ich habe ihn immer bewundert, aber ich wollte nie etwas von ihm und das hat er geschätzt. Das war wichtig, weil die meisten immer etwas von ihm wollten. Ich war dankbar für das, was er mir zeigte. In seinen späten Jahren war er psychisch krank und etwas eigenartig. Man darf aber nicht vergessen, dass er nicht nur für das amerikanische Schach viel getan hat. Ihm sind auch gerechtere Honorare zu verdanken. Auf jeden Fall wurde das Schachspiel in den USA durch ihn wieder neu entdeckt. 

Meinen Sie, dass Schach eine Sportart ist?

Nein, für mich nicht. Für mich ist Schach das schönste Spiel, das Königsspiel. 

Welche Voraussetzungen außer Spiel-freude muss man mitbringen, um als Schachspieler auf ein höheres Level zu kommen? 

Man muss vor allem Talent haben; ohne geht es nicht. Mit Talent kann ein Bauer den König schlagen. Talent ist, wenn man um die Ecke sieht, so ungefähr. Und außerdem braucht man Ausdauer. 

Was gibt das Schach einem persönlich zurück – um was bereichert es den Spieler?

Unter anderem hat mich das Schachspiel erzogen. Wenn man einen Fehler im zehnten oder im 56. Zug macht, ist man ganz allein dafür verantwortlich. Ich bin gerne für mich verantwortlich, deswegen mag ich keine Kollektivsportarten. Schach hat mich auch Respekt gelehrt. Ich muss den Gegner respektieren, ihm die Hand geben. Eigentlich gibt es keinen Verlierer, denn beide Gegner bilden zusammen ein Werk, und das ist die Schachpartie. Außerdem habe ich durch das Schach die ganze Welt gesehen. Ich habe überall viele Freunde, die gern Schach spielen. 

Gab es bei den Turnieren auch früher schon Tricks und Betrügereien, oder war das eher die Ausnahme?

Viele haben betrogen. Schon 1935 hat man auf der Toilette die Spielsituation auf dem Taschenschachbrett analysiert. Und es gab auch Absprachen unter den Spielern. Manche haben ihre Partie „verkauft“. Der Mensch will um jeden Preis gewinnen. Schwarze Schafe gibt es überall, aber letztendlich zahlen sie drauf. Momentan wird diskutiert, ob Schiedsrichter die Spieler vorher durchsuchen sollten. 

Hat sich das Schachspiel – oder besser: die Schachstrategie – im Lauf Ihres Lebens verändert? Wird heute anders Schach gespielt?

Ja, heute spielt man anders. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf der Eröffnung. Und auch auf der Vorbereitung durch den Computer. Eine Schachpartie besteht aus der Eröffnung, dem mittleren Spiel und dem Endspiel. Heute wird das Endspiel sehr unterschätzt. Man will das Spiel schnell entscheiden. Ich wollte Partien vor allem im mittleren Spiel drehen und in der Eröffnung war ich unberechenbar, so konnten sich die Gegner schwer auf mich einstellen. 

Wie betrachten Sie den Einzug des Computers in das Schachspiel?

Ich hoffe, dass sich die heutigen Spieler dadurch nicht die Freude am Spiel verderben lassen. Computer sollten kein menschlicher Ersatz sein. Sie sind besser als wir, sie machen keine Fehler, sie sind unschlagbar. Ich gehöre noch der alten Generation an und bin froh, dass ich mit meinem eigenen Kopf denken musste. 

Genießt Schach heute generell weniger mediale Aufmerksamkeit? Gibt es weniger Schachspieler?

Im Gegenteil. Schach, das im 6. Jahr-hundert in Persien erfunden wurde, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund der Teilung Europas stark nach Osten verlagert. Jetzt hat es in Asien, vor allem in China, aber auch in den USA starken Zuwachs. Das hat unter anderem mit den Sponsoren zu tun; die Preisgelder sind gestiegen. Wenn ich den Vergleich ziehe, haben wir früher oft nur für einen Handkuss gespielt. In Norwegen ist Schach so beliebt wie Fußball, auf Island ist es auf dem dritten Platz der Beliebtheit. In Polen und Russland wird Schach wöchentlich an Schulen gelehrt. Das versucht man auch in Südamerika. 

Mit 76 Jahren sind Sie immer noch ein aktiver Spieler. Was ist das goldene Alter beim Schachspiel in Bezug auf die Leistung?

Es liegt zwischen 20 und 30 Jahren. Danach geht es stetig abwärts. Heute spielen 16-Jährige für Indien. Der nächste Weltmeister könnte ein 20-Jähriger sein. 

Sie unterrichteten bis Sommer 2019 an der VHS Köln, zum großen Vergnügen der Schüler. Wäre es nicht sinnvoll, Schach mehr in die Schulen, bzw. schon in die Grundschulen zu bringen, wie es in manchen anderen Ländern der Fall ist?

Ich bin dafür, dass Schach angeboten wird, aber nicht als Pflichtfach. Vor allem an Ganztagsschulen wäre das sinnvoll.  

Wie viele Geschichten haben Sie noch auf Lager?

Mindestens 70, aber es kommen immer neue dazu. 

Dürfen wir also auf ein weiteres Buch hoffen?

Ja, ich arbeite schon daran. 

 

Text: Drahomira Hampl

 

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