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IHR LANDSTYLE MAGAZIN


DIE NORDSEE LIEGT LINKS

 

Im Frühjahr 2016 begann ich mit meinem Projekt „Nordseeumrundung zu Fuß“ und nahm mir als erste Langstreckenetappe die schottische Nordseeküste vom äußersten Norden der Shetlandinseln, über die Orkneys bis zur schottisch-englischen Grenze vor.

2018 ging es weiter entlang der englischen und niederländischen Küste bis zur niederländisch-deutschen Grenze bei Leer/Ostfr. Im Frühjahr 2019 schloss sich meine dritte lange Etappe an, vielleicht könnte man sie mit "Vom Dollard bis zum Kattegat" betiteln. Jedenfalls startete ich in der Nähe der Emsmündung bei Leer/Ostfr., tippelte dann auf Stränden und Deichen und durch Dünen bis hoch in die Nordspitze des dänischen Kattegats, wo nach elf Wochen bei Skagen meine letzte lange Tour endete. 

Für 2021 war der letzte Abschnitt entlang der südnorwegischen Küste geplant, doch bereits seit langem hatte das Coronavirus die Welt überfallen. Bis in den Sommer des letzten Jahres die Unsicherheit: Wird es in naher Zukunft überhaupt eine längere Tour geben können? Norwegen ließ lange Zeit keine Nicht-Norweger einreisen. 

Am 24. Juni, dem Tag meiner 2. Impfung, lese ich auf der Seite von visitnorway, der norwegischen Touristikzentrale, die folgende Nachricht: „Leben Sie in Deutschland, Österreich oder in anderen Ländern des EWR/Schengen-Raums? Und wurden Sie vollständig gegen COVID-19 geimpft oder hatten Sie in den letzten sechs Monaten eine COVID-19-Erkrankung? Wenn Sie dies sicher und nachweisbar dokumentieren können, dann können Sie bald wieder nach Norwegen reisen – ohne Quarantäne.“ Doch würde es dabei bleiben?

Es blieb dabei! Ich startete die Abschlussetappe meiner „Nordseeumrundung zu Fuß“ am 27. Juli 2021. 

Schön klimaneutral ging es mit dem Zug bis in die Nordspitze Dänemarks nach Hirtshals und weiter mit der Fähre bis nach Larvik in Südnorwegen. Von dort aus wollte ich Bergen entgegenlaufen. Knapp 1000 km würden es werden, mit 45 Tagesetappen. Ich dachte, das sollte reichen!

Da der Nordsee-Wanderweg in Norwegen nur in kleinen Abschnitten mal markiert ist, folgte ich hauptsächlich dem Nordseeküsten-Radweg, was sehr viel Asphalt bedeutete, aber auch immer wieder Schotter. In Beschreibungen wurde von ordentlichen Höhenmetern gesprochen, tatsächlich ließen mich kleine und höhere Hügel und Berge immer wieder ins Schwitzen und Pusten geraten. Kein Vergleich also zu den meist brettflachen Etappen auf den vergangenen niederländischen, deutschen und meist auch dänischen Teilabschnitten.

Die Landschaft, an der ich auf Landstraßen entlang zog, blieb tagelang faszinierend. Mal durch Wälder, links und rechts nichts anderes als Bäume, Totholz, bemooste Steinblöcke, steile Felswände. Dann unmittelbar an Seeufern entlang, zum Teil mit Seerosen bewachsen. Boote waren immer mal wieder am Ufer verankert, die bestimmt auch genutzt wurden, um den Besitzer zu einer der kleinen Felseninseln zu bringen, die überall im See aus dem Wasser hervorschauten. Immer wieder aber auch sah ich Seen oder Fjordarme tief unter mir liegen, die Hänge besetzt mit schönen Wohn- oder Ferienhäusern mit ihren in weiß oder ochsenblutfarbig angestrichenen Holzwänden. Fast alle Häuser hatten blumengeschmückte Balkone, Terrassen oder Veranden sowie dazugehörige Grundstücke, bei denen bunte Blumenbeete, Rasen und glatte Schärenfelsen eine harmonische Einheit bilden. Und vor jedem zweiten Haus wehte von einem hohen weißen Mast der spitze Wimpel mit den norwegischen Nationalfarben.

Mit dem Ort Langesund erreichte ich den ersten der malerischen "weißen Orte" mit den typisch getünchten Holzhäusern. In Werbeschriften werden sie als "Perlen an der Riviera des Skagerrak" angepriesen. Nach Arendal und Grimstad kam ich nach Lillesand, das häufig als schönster "weißer Ort" von Sørland bezeichnet wird. Auch diese Kleinstadt ist vollständig von der Holzarchitektur geprägt.

Das Zentrum der Region, Kristiansand, ließ ich möglichst schnell hinter mir, genauso wie das bald folgende Mandal. Schottlands nördlichster Zipfel liegt etwa auf dem Breitengrad von Norwegens südlichster Stadt. 

Ein Abstecher brachte mich von Spangereid zum südlichsten Punkt Norwegens, dem Lindesnes Fyr. Am 27. Februar 1655 wurde hier Norwegens erstes Leuchtfeuer angezündet. Die meisten Segelschiffe, die über den Skagerrak segeln wollten, suchten die Südspitze als Ziel und Ausgangspunkt aus, zumal die Küste viele Zufluchtsmöglichkeiten in Form natürlicher Häfen bietet. Das Fahrwasser um Lindesnes war gefürchtet, da dort Skagerrak und Nordsee aufeinandertreffen. Kräftige Winde und Strömungen haben dort viele Segelschiffe auf Grund gesetzt. Der heutige Leuchtturm stammt aus dem Jahr 1915. Bis ins Jahr 2003 gab es Leuchtturmwärter, dann wurde der Betrieb automatisiert.

Dann begann für mich der wohl härteste Teil meines Weges. Die Gegend wurde schroffer und häufiger waren Höhenunterschiede bis 275 m auf recht steilen Schotterwegen zu überwinden. Für den Radwanderer soll manchmal das Schieben die bessere Alternative sein, um die herrliche Gegend stressfreier erleben zu können. Und auch ich geriet hier wieder – meinen Wheelie hinter mir herziehend – ganz schön ins Schnaufen. 

Die Landschaft aus graufarbenen und bis über 400 m hohen Bergformationen, die während der letzten Eiszeit von Gletschern und Erosionen geschliffen, gerundet und poliert wurden, liegt als Bollwerk hinter der zerklüfteten Küste. Regelmäßig säumten Moorseen meinen Weg. Atemberaubende Aussichten auf Felslandschaften, in Schluchten, auf tief liegende Seen, auf Fjorde mit Leuchtfeuer und Orte wechselten sich ab. 

Ein nun folgendes Highlight war der Vestlandske Hovedvei (historische „Hauptstraße von Westland“) westlich von Egersund. Auf sehr hügeliger Strecke mit grobem Schotter musste ich mich vor meinem Wheelie ordentlich in die Zügel legen. Trotz geringer Höhe hatte ich das Gefühl, mich in einer Bergregion mit vielen Bergseen aufzuhalten.

Durch die nacheiszeitliche Landhebung an der Küste Westnorwegens entstand die Landschaftsform der Küstenplattform (oder „Strandplate“). Diese fällt auf den nächsten Kilometern sanft zum Meer hin ab. Es ist ein Küstensaum mit vielen Schären und Halbinseln. Die Landflächen liegen nur selten über 50 m über Meereshöhe und boten sich in der Vergangenheit als Siedlungspunkte für Fischer- und Bauernorte an.

Ab Ogna begann die landwirtschaftlich genutzte Region mit Ackerbau und Viehzucht auf "plattem Land" und sie erstreckt sich bis nördlich von Stavanger. Eingebettet in Dünenlandschaften befinden sich immer wieder lange, weiße Sandstrandabschnitte, wie auf den ostfriesischen Nordseeinseln. Die Strecke bis auf die Höhe von Stavanger verliert danach etwas an Attraktivität und ich durchlief langgezogene Gewerbe- und Industriegebiete. Doch hinten im Westen sah ich immer wieder die Nordsee, wo eine Reihe von Ölfrachtern Schlange standen, um in den Industriehafen von Stavanger einzufahren, der „Ölhauptstadt Europas“.

Bevor die Erdölindustrie nach Stavanger kam, lebten die Stadt und ihre Einwohner von der Fischerei und den damit verbundenen Gewerben. Wo Menschen arbeiten, müssen sie auch wohnen. Berufspendler gab es noch nicht. Sie wohnten eng beieinander, die Stadt bestand vor allem aus kleinen Holzhäusern rund um den Hafen. Das heutige Zentrum zwischen altem Hafen und den heutigen modernen Kaianlagen ist zwar mittlerweile modernisiert und fungiert als gemütlicher Fußgängerbereich mit engen und noch engeren Gassen, doch auch hier haben große Teile der Holzhausbebauung den Wandel der Zeiten überlebt. Nahezu vollkommen im alten Stil erhalten geblieben ist Alt-Stavanger ("Gamle Stavanger"), wo man inmitten der am besten erhaltenen Holzhausbebauung in Nordeuropa spazieren kann. Die meisten Häuser stammen aus der Zeit zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts bis etwa 1860. Anfangs waren die Häuser noch rot oder gelb gestrichen, die weiße Farbe wurde erst seit Mitte des
19. Jahrhunderts benutzt.

Zu einem Highlight meiner Wanderung wurde kurz hinter Stavanger die Besteigung der Felsenkanzel Preikestolen. Fotos von diesem grandiosen Naturdenkmal fehlen in keinem Norwegen-Katalog und lassen einen allein beim Anschauen schon erschaudern. Die Felskante fällt 604 Meter senkrecht in den fast 40 Kilometer langen Lysefjord ab. Es geht von Anfang an steil bergauf. In den letzten Jahren haben die Norweger den Wanderweg ausbauen lassen und dafür extra Sherpas aus dem nepalesischen Himalaya eingeflogen. Diese Spezialisten haben in der Saison 2013/14 natürliche Treppenstufen aus Felsblöcken angelegt, die den Weg sicherer und komfortabler machen. Teile des Weges, vor allem auf den sumpfigen Abschnitten, sind vorbildlich aus Holz angelegt und an exponierten Stellen gibt es sogar ein paar Meter Geländer. Aber über weite Stücke ist von einem Weg im herkömmlichen Sinne nichts zu erkennen. Da heißt es, über Stock und Stein irgendwie heraufkraxeln. Im Unterschied zu anderen Wanderrouten ist es am Preikestolen jedoch extrem unwahrscheinlich, dass man vom Weg abkommt - man muss einfach dem Vordermann bzw. der Vordergruppe folgen. Etwa 300.000 Wanderer hätten noch vor Corona den Preikestolen bestiegen, und das glaube ich aufs Wort.

Über Haugesund erreichte ich nach etwa 1000 Wander- und vielen Fährkilometern letztendlich die alte Hanse- und Krönungsstadt Bergen. Zum Abschluss meiner Nordseeumrundung war ich dankbar dafür, dass diese schöne, alte Stadt in den Stunden meiner Anwesenheit ihrem Ruf als regenreichste Stadt Europas nicht gerecht wurde.

Fazit: Ich habe wiedermal viel über meinen Körper gelernt und was die "alte Maschine" noch so leisten kann! Allein das war es wieder wert! Ich musste schon den einen oder anderen Preis dafür bezahlen: Kälte, Nässe, eine rasende Lunge, Muskelkater, brennende Füße, Muskelschmerzen, müde Knochen. Doch im Rückblick war das alles ein lächerlicher Tribut im Vergleich zum erhaltenen Gegenwert.

Schaue ich zurück auf das gesamte Projekt "Nordseeumrundung zu Fuß", auf mehr als 5600 zurückgelegte Kilometer in vier langen Wanderetappen, so klingt das nach einem kleinen Rekord. Doch diese Wertung ist falsch. Hier zählt nicht die Distanz, die eigentliche Dimension war das Erlebnis. Autofahrer mögen es da einfacher haben. Technik verkürzt Distanzen. Aber sie verkürzt auch das Erlebnis. Sie ist wie das diagonale Lesen eines Buches. Am Ende kennt man von seinem Inhalt nur Bruchstücke.

Text und Fotos: Reinhard Wagner

 

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Janika Hampl