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Thomas Baumgärtel, Beuysbanane, 2021

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Thomas Baumgärtel
Alles Banane?

 

Was in den Achtzigerjahren illegal begann, ist heute ein begehrtes Graffitizeichen. Der Kölner Thomas Baumgärtel ist als „Bananensprayer“ bekannt, aber es wäre falsch, ihn darauf zu reduzieren. Er ist einer der vielseitigsten Künstler Deutschlands, und die Hälfte seiner Werke kommt ohne Banane aus. Dazu gehören Zeichnungen, Fotocollagen, Objektkunst, Druckgrafiken wie auch Wandmalereien im öffentlichen Raum. Und wer kennt sie nicht, seine fotorealistischen Acrylgemälde vom Dom und seiner Umgebung? Ebenso bekannt ist Baumgärtel für seine Installationen und seine Aktionskunst, sein Engagement für den Hambacher Forst und die Coronaimpfung. Vor allem aber ist er ein unermüdlicher Kämpfer für die Freiheit der Kunst.  

Ursprünglich kommt er nicht aus der Graffiti-Szene: In jungen Jahren hat er viel gezeichnet und gemalt, er studierte Malerei an der FH Köln und wollte Maler werden. Als er Anfang der Achtziger in Paris mit den lebensgroßen gesprühten Figuren des Franzosen Blek le Rat Bekanntschaft machte, war er fasziniert. 1986 entstand die erste Bananenschablone. Heute stapeln sich tausende handgeschnittene, thematisch in Werkgruppen sortierte Schablonen in seinem Atelier in Köln-Dellbrück. Die Banane blieb jedoch seine Konstante, sein Logo, mit dem er weltweit mehr als viertausend Galerien, Museen und besondere Orte der Kunst versah. Er verschönert mit ihr, regt an, provoziert und fordert Reaktionen heraus. Sie bleiben selten aus. 

Herr Baumgärtel, warum ausgerechnet die Banane? Wie es heißt, haben Sie während Ihres Zivildienstes in einem katholischen Krankenhaus einmal ein von der Wand gefallenes Kreuz „repariert“, indem Sie die zerbrochene Jesusfigur durch eine Banane ersetzt haben. Und wenn Sie nun eine Tomate oder was auch immer dabeigehabt hätten? War die Banane purer Zufall?

Ich denke, es gibt keine Zufälle im Leben. Auch hier, nach rückblickender Analyse, war es zwingend, dass es eine Banane war. Ich habe neben Kunst auch Psychologie studiert: Alles hat seinen Sinn, auch die Banane damals hatte einen. Darin steckt die ganze Popkultur; die Arbeit mit alltäglichen Dingen, den Alltag zur Kunst machen. Vor hundert Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Außerdem ist die Banane eine zutiefst deutsche Frucht.

Eine deutsche Frucht? Wie meinen Sie das?

Ich bin in den Siebzigerjahren aufgewachsen, in der Zeit des Wirtschaftswunders. Auf einmal war Deutschland die Industrienation der Welt und es gab ganz viele Bananen. Adenauer war damals Oberbürgermeister von Köln und hat es nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft geschafft, dass Westdeutschland als einziges Land der EG zollfreie Bananen einführen konnte. In der damaligen DDR hingegen gab es kaum welche. So wurde die Banane auch zum Symbol der Wiedervereinigung – die Westdeutschen brachten sie den Ostdeutschen. Diese Bilder sagen etwas aus und haben sich eingeprägt. 

Wie kann man sich das vorstellen? Haben Sie sich einen Ort für Ihre Bananenbotschaft ausgesucht und einfach gesprüht, ohne zu fragen? 

Ich habe in Köln angefangen und mir flächendeckend alle Galerien und Museen angeschaut und nebenbei oft schöne unbekannte Orte entdeckt. Eigentlich ist alles daraus entstanden, dass ich mich ursprünglich gar nicht in Galerien hineintraute; ich war da eher schüchtern. Die waren die Überväter. Die Banane war meine Art der Kontaktaufnahme. Die Galerien, die ich gut fand, habe ich markiert. Manche waren verärgert, manche haben dagegen geklagt, als sie herausfanden, wer dahintersteckt. Für sie war es bloß Graffiti, was damals als Schmiererei galt, die man nicht vermarkten konnte.

Das ist jetzt anders, die Streetart hat sich in der Kunstszene etabliert. 

Heute kriegt die Streetart jeder mit, die jungen Leute finden sie toll. Sie löst die Popart ab und ist langsam angekommen. Aber in den Achtzigern war sie für Galeristen völlig uninteressant. Ich war über viele Jahre hinweg immer wieder zwei bis drei Wochen von Stadt zu Stadt unterwegs. Es gibt nur wenige, die sich so viele Kunstorte in der Welt angeschaut haben wie ich; bestimmt 10.000 Orte, an denen ich mehr als viertausend Bananen verteilt habe. Nicht jeder bekam eine. 

Auch die Reaktionen fallen nach 36 Jahren anders aus, oder?

Es gibt immer noch welche, selbst Galeristen, die sich provoziert fühlen. Mit der Banane ist es so: Es kommt, wie es kommen muss – sie ist einfach ein Spiegel dessen, was los ist. Es hatte immer einen Grund, wenn die Banane nicht an einen Ort durfte. Es gibt da kein falsch oder richtig. Ich bin als Künstler das Sprachrohr, ich muss nur agieren lassen. Das Reagieren der Leute war für mich das Wichtige. Was Galeristen als Reaktion auf die Banane zeigen, ist ihre eigene Projektion und hat nichts mit mir zu tun. Das ganze Projekt ist eigentlich der Rorschach-Test der Kunstszene und spiegelt sie wieder.

Heute müssen sie es nicht mehr illegal machen. Vermissen Sie den Nervenkitzel?

Es geht sogar besser, wenn man es offiziell macht. Die Leute bewerben sich, man fühlt sich wie ein Restaurantkritiker: Die wissen nicht, ob Sie eine Banane bekommen, und zeigen mir ihre neuen Werke, da bekomme ich viel mit. Die illegalen Aktionen brauche ich nicht mehr. 

Sie arbeiten von Anfang an mit derselben Bananenform. Ist es für Sie immer noch spannend, sie zu sprühen? 

Ich mache es total gerne und habe bis jetzt alle Bananen selbst gesprüht, aber wie gesagt, das Spannende sind die Reaktionen. Nur die wenigsten halten es für möglich, dass man mit der Banane auch politisch agieren kann. Man kann Leute mit einem Lächeln anprangern, ohne dass man sie zu sehr bloßstellt, das ist wichtig. Jeder Ort ist anders, es ist immer etwas Neues und kein bisschen langweilig. Es ist ein Projekt, das man in einem Menschenleben nicht fertigbekommt; es gibt so viele Städte in der Welt.

Sie waren auch in Moskau, wie war es dort?

Als ich 1995 zum ersten Mal dorthin kam, gab es da schon gemalte und zum Teil gesprühte Bananen. Wie konnte das sein? Weil die Banane als Qualitätssiegel zu einer guten westlichen Galerie gehörte, haben die Moskauer Galerien sich selbst damit geschmückt. 

Gibt es Orte, die nie eine Banane von Ihnen bekommen werden?

In China werde ich keine einzige Banane sprühen, solange es eine Diktatur ist und die Menschenrechte verletzt.

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Janika Hampl