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Foto: Josef Šnobl

 
Josef Šnobl 

 

Das Jahr währte noch nicht lange, als uns die traurige Nachricht des viel zu frühen Todes von Josef Šnobl erreichte. Der Name ist Ihnen sicherlich ein Begriff, denn in der Vergangenheit hat er in iMAG zahlreiche Künstler vorgestellt. Dabei war er selbst einer: ein einzigartiger Fotograf und Künstler. 

Der gebürtige Prager, Jahrgang 1954, lebte und arbeitete seit 1984 in Köln. Um an sein vielfältiges Schaffen zu erinnern, möchte ich mit Ihnen einen kleinen subjektiven Streifzug durch sein Werk unternehmen und einige seiner Arbeiten zeigen, die mir unvergesslich bleiben werden.

Als ich Josef 1991 durch meinen Mann kennen gelernt habe, stellte er im Ehrenfelder Loft seine Werkszyklen „Zwischenzeit“ und „Parabeln“ aus. Und ich staunte. So etwas, solche malerisch bearbeiteten und collagierten Fotos, hatte ich noch nie gesehen. Nicht zufällig habe ich Bilder aus dieser Zeit ausgesucht, in denen er selbst in Erscheinung tritt. Seine Kunst war von Beginn an eng mit seiner Person, seiner Geschichte verknüpft. Was ich allerdings verstörend fand, waren die vielen düsteren Arbeiten von Josef; überall Totenköpfe und noch dazu der Sensenmann ... „Mach doch mal was Freundlicheres“, habe ich damals zu ihm gesagt, und er hat nur milde gelächelt ob meiner Naivität.   

Am Anfang stand bei Josef Šnobl jedoch die klassische Schwarzweißfotografie im Vordergrund; schon als Jugendlicher verwendete er viel Zeit auf Porträts von Freunden und Angehörigen. Und im Lauf seines Lebens ist er immer wieder zum Porträt zurückgekehrt, zum Beispiel mit seinen einfühlsamen, sensiblen Aufnahmen für das Buch „101 Nationen einer Stadt“ (DuMont). Zu seinen frühen Arbeiten zählen außerdem Stillleben, aus denen seine Wertschätzung für den berühmten tschechischen Fotografen Josef Sudek spricht. Auch dieses Genre hat er gepflegt, als Hobby gewissermaßen. 

Dabei war er im Prinzip permanent beschäftigt, mit eigenen Projekten und denen befreundeter Künstler. Von einer großen kreativen Leidenschaft erfüllt war Josef offen für Projekte jeder Art. Er steckte voller Energie, die ihn dazu antrieb, stets an mehreren Dingen gleichzeitig zu arbeiten. Und er hatte noch so viele Projekte in der Pipeline ...

Ein ganz besonderes, geradezu paradiesisches Erlebnis war die Vernissage des Kunstprojekts „Wirbellose“ 2009 im Garten der Schmetterlinge von Schloss Sayn, an dem Josef beteiligt war. Die Kulisse war nicht minder faszinierend als seine in die Flora eingebetteten Exponate, Fotogramme genauer gesagt, die mit ihrer experimentellen und zugleich ursprünglichen Anmutung ihren eigenen Zauber versprühten.

Wesentlich plakativer ging es bei dem Projekt „Murale Fotografie“ im Aachener Stadtteil Rothe Erde zu, bei dem seine Fotos im buchstäblichen Sinn zu Größe gelangten: Gemeinsam mit einem Kollegen versah er die Häuserfassaden einer kompletten Straße mit Fotoplanen, auf denen die Anwohner abgebildet waren. Die meisten Bilder sind inzwischen verblasst, aber die Geschichte fand Eingang in ein Buch: „Die Straße der Bilder“ (Helios). 

Wenn man in Köln wohnt, kommt man um den Karneval nicht herum, und auch Josef stürzte sich tapfer ins Getümmel – rein dienstlich, versteht sich. Dabei entstanden spannende, ungewöhnliche Fotos, denen er in dem Buch „Karnevals“ (Emons) ebenso eindrucksvolle Bilder des „Carnevale di Venezia" und der Basler Fasnacht gegenüberstellt. 

„Eigentlich wollte ich Schriftsteller oder Maler werden, und diese zwei Komplexe, die ich in mir trage, machen meine Fotografie aus“, hat er einmal gesagt, und wie viel Schriftsteller in ihm steckte, zeigt nicht zuletzt sein 2019 erschienener und einfach brillanter Titel „Nachtfahrt. Ein Taxi Blues“ (Emons), aus dem inzwischen ein neues Kunstwerk hervorgegangen ist, was Josef bestimmt begeistert hätte: Das Bonner „fringe ensemble“ hat das Buch auf die Bühne gebracht – im Theater im Ballsaal noch zu sehen am 26./27.11.21 und im Februar 2022 in der Kölner Orangerie.  

Eine wichtige Rolle nimmt das Schreiben auch in seinem wohl umfassendsten – und für mich bedeutsamsten – Werk ein, wenngleich es im Ursprung anders gedacht war. Die Rede ist von seinem fotografischen Tagebuch – für ihn „ein Ozean der Erinnerungen, in dem ich oft ertrinke, aber auch eine Quelle, aus der ich krisenresistent schöpfen kann“. 

Josef hat das Tagebuch geführt, „damit die Zeit nicht verloren ist“, wie er es mit dieser feinen Doppelsinnigkeit ausgedrückt hat, die seiner Ausdrucksweise eigen war. Zum einen meinte er nach meinem Verständnis „damit es keine verlorene Zeit war“ und zum anderen „damit nichts verloren geht“. Und durch die künstlerische Verarbeitung dessen, was er aus seiner Quelle schöpfte, konnte er dem Erlebten, dem Durchgemachten – ja, auch den schlimmsten Dingen – einen Sinn geben.

Der Startschuss fiel im Jahr 1984, als die Olympus XA auf den Markt kam, eine Sucherkamera im Taschenformat, die er neben einem kleinen Notizbuch fortan ständig dabei hatte. Beim Einkleben der Fotos in sein Tagebuch diente die Bildunterschrift zunächst eher als Gedächtnisstütze, doch je älter Josef wurde, umso mehr Gedanken ließ er nach und nach einfließen, bis Text und Bild irgendwann gleichwertig wurden. Und so entwickelten sich die Seiten seiner Tagebücher, die in seiner Wohnung eine ganze Wand einnahmen, zu eigenständigen kleinen Kunstwerken, in denen Handgeschriebenes und Fotos zu einer Einheit verschmelzen. 

In den ersten Jahren verwendete er Din-A-4 Spiralblöcke im Hochformat. Von 1993 an band er die Tagebücher selbst mit Hilfe eines wunderlich anzusehenden Geräts, nun im Querformat, und konnte dadurch Dokumente wie Fahrkarten, Briefe, Zeitungsausschnitte etc. mit hinzunehmen. Zudem gestaltete er die Cover der Bücher ab diesem Zeitpunkt selbst, und so hat er es bis zuletzt gehalten.   

Inzwischen sind Josefs fotografische Tagebücher im Prager Památník národního písemnictví  (Denkmal des Nationalen Schrifttums) eingetroffen, einer namhaften Einrichtung zur Dokumentation der Entwicklung der tschechischen Literatur und Buchkultur. Dort wird das einmalige Werk, wie es Josefs Wunsch war, für die Zukunft bewahrt. Das mag vielleicht ein kleiner Trost sein, wenn am Jahresende zum ersten Mal sein persönlicher Neujahrsgruß ausbleibt, mit dem er seine Nächsten immer so liebevoll bedacht hat – obwohl im Grunde nichts über den Verlust eines guten Freundes hinwegtrösten kann. 

Text: Antje Görnig

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