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IHR LANDSTYLE MAGAZIN

Haus ohne Zuhause

Ich sitze in Österreich und schaue aus dem Fenster. Die Sonne scheint und alles ist weiß. Obwohl ich mich nicht beschweren kann, fällt mir der Januar sehr schwer und ich merke, dass es vielen so geht. Meine Motivation kommt und geht, der Sinn kommt und geht, aber ich komme und gehe nicht mehr. Ich bleibe stehen. Und das ist für mich persönlich auch gut so, obwohl es mir nicht leicht fällt. Durch das Reiseverbot und die Ausgangsbeschränkung habe ich etwas sehr Wichtiges über mich gelernt. Es ist mir zwar immer wieder in der Vergangenheit aufgefallen, doch jetzt habe ich es erst richtig begriffen: Wenn ein Problem kommt, laufe ich davon.

Meine Eltern sind beide aus Tschechien nach Deutschland gekommen, da war ich noch lange nicht auf der Welt. Man könnte also meinen, ich bin Deutsche. Schließlich wurde ich hier geboren, es steht in meinem Pass. Aber ich fühle mich nicht deutsch. Immerhin redete ich viel tschechisch, bin mit einer anderen Mentalität aufgewachsen und habe schon als Kind verstanden, dass meine Familie nicht von hier ist und der Rest ganz woanders wohnt (unter anderem auch, weil man es immer wieder zu spüren bekam). Ich kann aber auch nicht behaupten, dass ich Tschechin bin. Immerhin habe ich dort nie gelebt und wenn ich meine Oma besuche und ihre Nachbarin zufällig vorbeischaut, wird mir gesagt „Du hast aber einen süßen Akzent!“ Also, was bin ich nun? 

Als ich in die Pubertät gekommen bin, war mir klar, dass ich um die Welt reise, sobald ich die Schule beendet habe. Damals sollten es noch die USA sein. Ich hatte keine Angst vor oder Bedenken wegen solch einer Reise, ich hatte nur ein Ziel. Also habe ich es umgesetzt, bin wiedergekommen, wollte wieder weg. In den letzten drei Jahren hatte ich sieben verschiedene Wohnorte. Anstrengend. Ich habe immer gedacht, ich wäre so multikulti-weltoffen, aber jetzt habe ich begriffen, ich bin heimatlos. Deswegen habe ich keine Schwierigkeiten, mich immer wieder an neue Orte, Menschen und Kulturen anzupassen. Im Gegenteil, ich fühle mich dabei auch noch wohl. Denn sobald es schwierig wird, setzt bei mir der Fluchttrieb ein und ich möchte nur meine Sachen packen, weit weg fliegen und neu anfangen. Immer und immer wieder. Natürlich weiß ich, dass es nicht ganz normal ist. Dank Corona verstehe ich, dass mir eine Basis fehlt. Ich vermisse einen Ort, an den ich immer zurückkommen werde. Dank Corona kann ich auch nicht mehr so leicht davonlaufen und bin gezwungen, mich Problemen und unangenehmen Situationen zu stellen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und inzwischen fühlt es sich sogar sehr gut an, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben, sich auf die Situation einzulassen – und wer weiß, vielleicht wird aus der Tschechin, die in Deutschland aufgewachsen ist, eine Österreicherin.

Das Gefühl der Heimatlosigkeit und Nicht-zugehörigkeit wurde mir oft von Menschen mit Migrationshintergrund geschildert. Ich bin froh, dass die Differenz zwischen Tschechien und Deutschland nur gering ist. Ich möchte nicht in der Haut eines Migranten stecken, dessen Kultur, Hautfarbe, Mentalität etc. sich stark von beispielsweise der deutschen unterscheiden, sodass solche Gefühle noch ausgeprägter sein müssen und das Ankommen wahrscheinlich viel härter ist. Ich befasse mich gern mit dem Thema „Heimat“ und finde es spannend, was es für jeden einzelnen bedeutet und welche große Rolle es in unserem Leben spielt. Ich bin mir sicher, auch ich werde einmal ein Haus als Zuhause finden und nutze jetzt die Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Was kann man auch sonst gerade Großartiges tun?

von Janika Hampl

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