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Jochen Fassbender – Klanggarten
 

 

Es ist ein sonniger Vormittag und wir sind unterwegs nach Waldbröl-Hermersdorf zu dem Klanggarten von Jochen Fassbender. Ohne genauere Vorstellungen denke ich höchstens an klimpernde Bambusstäbe oder klirrende Glockenspiele. Im Garten des alten, seit Jahren stillgelegten Bahnhofs, den Jochen Fassbender bewohnt, bin ich eines Besseren belehrt worden.  

Es gibt hier eine Fülle verschiedener Klanginstrumente, die ihre Heimat im Garten finden. Sie hängen an Sträuchern, Bäumen oder sind im Boden fest verankert. Zum Glück lassen sie noch Platz für reichliche Vegetation. Einige der Instrumente erklingen durch Wind oder Wasser, andere müssen bespielt werden. Musikalische Vorkenntnisse muss man dafür nicht haben. Die Instrumente werden vom Jochen Fassbender in verschiedenen Tonfolgen aus aller Welt gestimmt. 

Der sanfteste Anschlag, den man sich vorstellen kann, ist ein Wassertropfen. Kein Klöppel ist zarter. Beim Klangbrunnen tropft das Wasser auf fünf Bronzeplatten, unter denen Röhren mit Resonatoren sind, die im flachen Wasserbecken stehen. Durch die Höhe der Wasseroberfläche sind sie abgestimmt. Das kann man berechnen oder ausprobieren, am besten beides. Es erklingt eine zarte,
beruhigende Musik.

Andere Klänge kommen nur dann zum Vorschein, wenn der Wind sie bewegt: Elfenglöckchen – auf einer Schnur hängende dreieckige Bronzeplättchenpaare, die aufeinander im Oktavabstand abgestimmt sind und sanft aneinander schlagen. Oder das Elfenhaus – eine dreieckige Metallplatte berührt einen Hohlkörper, der als Resonator dient. Und schließlich Klangmobilés. Wenn der Wind in die insektenähnliche Form des Segels bläst, schlägt ein Klöppel gegen die Klangröhren, während die Resonatoren zum Pendeln gebracht werden. Die Töne klingen erstaunlich lange nach. 

Bei der anderen Gruppe von Klanginstrumenten reicht kein Regen und auch kein Wind. Hier müssen wir selbst die Töne entlocken. Sie alle tragen komplizierte Namen wie Chloritschiefer-Lithophon oder Glas-Miraphone, aber das muss man als Laie nicht unbedingt wissen. Wichtig ist, dass man an ihnen fantastische Töne erzeugen kann – mal stark und lange nachhallend, mal hoch und klar, mal japanisch klingend… und immer berührend. 

Die Klangfarbe wird beeinflusst von der Form und dem Material des Klangkörpers. Kupfer in Röhrenform klingt lange nach, Steinröhren machen einen kurzen, flachen Ton, Eisen klingt sehr klar. Manche Klangobjekte – z.B. die Lithophone –kann man mit mehreren Leuten gleichzeitig bespielen: einer schlägt, ein anderer reibt und der Dritte streicht. Es macht wenig Sinn, es zu beschreiben – man muss es selbst ausprobieren. 

Die Klänge verbreiten sich durch den Garten, sie schwellen an und ab. Dadurch hört man aufmerksam hin. Sie hinterlassen etwas Beruhigendes, Entspanntes. Um sie auf dem ganzen Körper spürbar zu machen, braucht man sich nur auf die Resonanzwiege zu legen, die unter einer alten Linde hängt. Man liegt auf einem sich hin und herbewegendem Holzkasten, während darunter eine am Boden stehende Bassröhrenglocke angeschlagen wird. Wenn die Wiege über die Glocke gleitet, resoniert der Holzkasten und damit auch der eigene Körper. Einmal ausprobiert, möchten Sie nie wieder aufstehen. 

Wenn draußen die Klänge ertönen, kann es vorkommen, dass Tiere angelockt werden: Enten, Schwäne, Fische. „Über Klänge kann man mit den Tieren in  Dialog kommen“, erzählt Jochen Fassbender. „Die Sprache der Musik ist universell, die kann jedes Wesen auf dieser Welt begreifen. Ich habe zum Beispiel für Pferde Musik gemacht, sie haben sofort reagiert, kamen und waren sehr neugierig.“

Zugang zur Musik fand Jochen Fassbender schon als Kind weniger über das normale Lernen eines Instruments, sondern auf sehr spielerische Weise. Mit der Klangkunst beschäftigt er sich seit über 30 Jahren, experimentiert mit verschiedenen Materialien und erforscht unbekannte Klangphänomene. So entstehen immer wieder neue Klangobjekte. „Während der Corona-Pandemie hatte ich viel Zeit, meiner Kreativität zu folgen. Was nützt mir ein neues Instrument, wenn ich es nicht zeigen kann? Jetzt gehen die Türen auf und man will raus.“

Wenn Sie neugierig geworden sind, werfen Sie einen Blick auf die Internetseite, dort können Sie auch einige Hörproben machen: www.klangkunstfassbender.de

 

Text: Drahomira Hampl

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